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Flimmertöne — was es damit auf sich hat


Flimmertöne fast forward: Die Spielzeit 5778 im Schnelldurchlauf. Wem das zu schnell geht, kann das Jahrbuch hier in unserem Onlineshop bestellen und zu sich nach Hause liefern lassen, es nach Lust und Laune drehen, wenden, durchblättern, anschauen und drin lesen!


Die aktuelle OJM-Spielzeit steht unter dem Titel Flimmertöne — warum eigentlich?, wird sich der ein oder andere Fragen. Die Antwort gibt unser Künstlerischer Leiter Daniel Grossmann im Vorwort des aktuellen Jahrbuches, das ihr hier in Auszügen nachlesen könnt:

Sehr geehrtes Publikum,
seit der Gründung des OJM im Jahr 2005 standen immer wieder Stummfilmkonzerte auf unserem Programm. Besonders der erste Spielfilm Der Student von Prag, den wir 2013 im Rahmen der Berlinale aufgeführt haben, ist mir in Erinnerung geblieben. Die Herausforderung, die Musik mit dem Film synchron zu halten, ist groß und mit wenig Erfahrung erschien es mir damals fast unmöglich. In den vergangenen Jahren hatte ich jedoch öfter die Möglichkeit zu üben, sodass ich mir und den Musikern eine ganze Spielzeit zutraue, die der Stummfilmmusik gewidmet ist und folgerichtig Flimmertöne heißt!
Ausgangspunkt für die Spielzeitplanung war eine Einladung von ARTE/ZDF, im Rahmen der Berlinale 2018 im Friedrichstadtpalast den neu restaurierten Stummfilm Das alte Gesetz aus dem Jahr 1923 mit der Neukomposition des französischen Komponisten Philippe Schoeller uraufzuführen. Im Laufe der Vorbereitungen wurden die Pläne immer größer und so freuen wir uns, den Film auch in Warschau, Vilnius und Budapest aufführen zu können.
München wollten wir diesen Stummfilm, der die Geschichte eines Rabbinersohns aus Osteuropa erzählt, der zum Schauspielstar am Burgtheater avanciert, nicht vorenthalten. Bei der Suche nach einer Spielstätte, war unser größter Wunsch, die Kammer 1 der Münchner Kammerspiele als Stummfilmtheater zu nutzen. Als bei den Vorgesprächen klar wurde, dass daraus eine ganze Stummfilmreihe werden sollte, war unsere Euphorie umso größer.

So entstand die Reihe Flimmerkammer, in der wir vier Stummfilmklassiker mit Livemusik aufführen:
1905 meuterten die Matrosen auf der Potemkin — ein Ereignis der Weltgeschichte, das 1925 zur Filmgeschichte wurde: Panzerkreuzer Potemkin des russischen Regisseurs Sergei Eisenstein ist einer der berühmtesten und meistzitierten Filme des 20. Jahrhunderts. Die Originalmusik schrieb der jüdische Komponist Edmund Meisel, die wir in der kaum gespielten ursprünglichen Fassung für Salonorchester aufführen.


Filmstill aus Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin: Wer kennt nicht die weltberühmte Szene auf der Treppe von Odessa.


Der bereits erwähnte Student von Prag aus dem Jahr 1913 ist das zweite Stummfilmkonzert der Reihe. Mitreißende Spezialeffekte und ein genialer Paul Wegener in der Hauptrolle machen den ersten Autorenfilm der Filmgeschichte zu einem Ereignis. Die Originalmusik von Josef Weiß in der Neuorchestrierung von Bernd Thewes haben wir im Rahmen der Berlinale 2013 uraufgeführt.


Horror à la 1913: Wenn das Spiegelbild ein Eigenleben entwickelt ... Filmstill aus Hans Heinz Ewers' Der Student von Prag.


Das neue Babylon erzählt eine Liebesgeschichte zu Zeiten politischer Wirren, während der Pariser Commune. Die Originalmusik stammt von Dmitri Schostakowitsch, es war seine erste Filmmusikkomposition. Die Premiere des Filmes war leider kein Erfolg: Das damalige Publikum war überfordert von der experimentellen Filmästhetik und der unerhörten Originalität der Klangsprache. Schostakowitsch, der die Uraufführung selbst dirigierte, musste betrunken gewesen sein —so die Erklärung des Publikums. Zum Glück ließ sich Schostakowitsch davon nicht beirren und es folgten noch zahlreiche weitere seiner kühnen und einnehmenden Filmkompositionen.

Filmstill aus Das neue Babylon von Regie-Duo Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg aus dem Jahr 1929.


Der krönende Abschluss der Flimmerkammer-Reihe bringt uns schließlich an den Ausgangspunkt unserer Spielzeitplanungen zurück: Der vierte Stummfilm, den wir in die Gegenwart holen, ist Das alte Gesetz mit der neuen Musik von Philippe Schoeller.



Allerdings, dass es sich hierbei um den Abschluss handelt, stimmt nicht ganz, denn im Juli folgt eine Flimmerkammer spezial: 2018 wird ganz München von einem riesigen Faust-Festival überwältigt. Ausgehend von einer Faust-Ausstellung in der Hypo Kunsthalle nehmen zahlreiche Kulturinstitutionen mit einer Reihe von unterschiedlichen Veranstaltungen am Festival teil. Wir widmen uns der Faust-Verfilmung von F. W. Murnau. Die ursprüngliche Filmmusik stammte von Richard Werner Heymann. Ein Gigant der frühen Filmmusik, dessen Leben durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine jähe Wendung erfuhr. Als Jude aus Deutschland vertrieben konnte er an frühere Erfolge nicht mehr anknüpfen. Die Musik zum Faust-Film war keine Eigenkomposition, sondern typisch für die Zeit, eine Zusammenstellung von bekannten Werken, in diesem Fall von Richard Wagner, Richard Strauss und Gustav Mahler. Leider ist diese Kompilation verloren gegangen. So kamen wir auf die Idee, in einem Dokumentarkonzert Richard Werner Heymann und seiner verlorenen Filmmusik nachzuspüren und anhand einzelner Filmszenen eine Rekonstruktion zu versuchen.
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Eine weitere Kooperation der nächsten Saison ist die Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung. Schon lange verfolgt mich die Idee, den eindrucksvollen Film Nacht und Nebel aufzuführen. Es ist der erste Dokumentarfilm über Auschwitz, die Originalmusik schrieb Hanns Eisler und der Text stammt vom französischen Dichter Jean Cayrol, den Paul Clean ins Deutsche übersetzte. Wir führen den Film als Stummfilm auf, die Texte gesprochen von einem Schauspieler und die Musik aufgeführt vom OJM. Hoffentlich kommen zahlreiche Schulklassen und auch Sie, sehr geehrtes Publikum!

Im Mai 2018 wartet ein Konzert auf uns, das das Spielzeitmotto ein wenig erweitert: Alessandro Scarlattis Barock-Oratorium Il primo omicidio erzählt die Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain. Wir haben das Stück auf diese Tat gekürzt und verdichtet, sodass drei Rollen übrig geblieben sind: Eva, Kain und Abel. Besetzt sind sie mit jungen Sängerinnen des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper. Doch auch dieses Konzert kommt nicht ohne flimmern aus: Die Rezitative werden durch moderne Texte über das mörderisch Böse ersetzt und sie werden nicht live im Konzert gesprochen, sondern filmisch umgesetzt; doch mehr sei noch nicht verraten.
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Es wartet also eine spannende Spielzeit mit zahlreichen Konzerten und Projekten auf uns! Und ich hoffe auf ebenso zahlreiche persönliche Begegnungen nach den Aufführungen, auf unzählige Gelegenheiten, um mich mit Ihnen über ihre Eindrücke und Anregungen auszutauschen!

Daniel Grossmann

Künstlerischer Leiter des OJM

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