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​Klezmer – Wirklich?

Eine Seite aus dem Manuskript von Moritz Gagerns Neukomposition Nigunim für Orchester. In Auftrag gegeben wurde das Werk im Frühjahr 2015, fertig ist die Partitur seit Anfang April. In den letzten Wochen wurden die einzelnen Stimmen angefertigt, letzte Korrekturen eingefügt und an die Musiker verschickt. Nach Vorproben vor knapp zwei Wochen startete das OJM vor wenigen Tagen mit den eigentlichen Proben.


Am  Dienstag, 23. Mai, ist es soweit: Uraufführung! Endlich wird unser Auftragswerk Nigunim für Orchester in der Muffathalle zum ersten Mal vor Publikum gespielt. Während das OJM unter der Leitung von Daniel Grossmann und unter Anwesenheit des Komponisten Moritz Gagern in die heiße Endprobenphase startet, habt ihr Gelegenheit, euch ein wenig über die Neukomposition zu informieren.

Im Frühjahr 2015 haben wir Moritz Gagern mit der Komposition beauftragt, da spielte sich in etwa folgende Szene ab:

Moritz Gagern: Wollt ihr, dass ich ein Klezmer-Konzert schreibe oder ein Konzert über Klezmer?
Daniel Grossmann: Beides.
Moritz Gagern: Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Daniel Grossmann: Also, um es vorauszuschicken, ich hasse „Klezmer“.
Moritz Gagern: Das könnte ein interessantes Projekt werden.

Was erwartet euch also am Dienstag, ist es wirklich Klezmer, was ihr hören werdet? Die Antwort lautet: Ja und nein. Dieser Blogbeitrag will versuchen, sich dieser diffizilen Frage anzunähern und die eben gelieferte kurze wie unpräzise Antwort mit Inhalt zu füllen.

Moritz Gagern selbst hat für unser Programmheft, das beim Konzert zu erstehen sein wird, einen Text geschrieben, in dem er über die historischen und stilistische Dimensionen, Formen und Formationen des Klezmer, auch über die Unmöglichkeit dieses Begriffes schreibt, Einblicke in seine Recherchearbeit im Vorfeld sowie in den Kompositionsprozess selbst gibt und auch die Herausforderung des Kompositionsauftrages formuliert. Im Folgenden eine Kurzusammenfassung dieses Textes:

„Die Komposition wandert, wenn man so will, durch die Höhepunkte einer archaischen jüdischen Hochzeit und der entsprechenden Musik. Eine unumgängliche kompositorische Frage war: wie lässt sich eine mündlich überlieferte, großenteils verschollene und zutiefst interpretatorisch geprägte Musik in eine autonome Komposition für Orchester im 21. Jahrhundert übertragen?
Eine bestimmte Art der Beseeltheit und Leichtigkeit verbindet die verschiedenartigen Stücke, die uns als Hochzeitsmusik der osteuropäischen Juden überliefert sind. Am Anfang meiner Begegnung damit stand ein archäologisches Erlebnis. Ich hörte mir unterschiedlich rauschende Aufnahmen aus der Frühzeit der Tonaufzeichnung an, zum Teil in extremer Zeitlupe. Dabei kommt eine eigene Welt zum Vorschein, spieltechnisch unglaubwürdig und in jeder Hinsicht frei. Sie bilden einen Ausgangspunkt für Nigunim. Ein weiterer ist das Grammophon selbst.“

 Aus der Gagernschen Kompositionswerkstatt I: Arbeitsprozess mit Grammophon

Es ist keine typische Aufgabe für einen zeitgenössischen Komponisten, eine virtuose, authentische Hochzeitsmusik aus dem osteuropäischen Schtetln des 18./19. Jahrhunderts zum Ausgangspunkt einer eigenen, heutigen Komposition und künstlerischen Stellungnahme zu machen. Einerseits dem unbekannten Original durch ein Orchesterkonzert näherkommen, andererseits all die Brüche der Orchestermusik nicht aus den Augen verlieren, die wir im 21. Jahrhundert hinter uns haben – das ist ungefähr der Rahmen, in dem sich Nigunim für Orchester bewegt. (Nigunim bedeutet übrigens soviel wie eine Melodie, die ohne Worte auskommt.)

Eine weitere Schwierigkeit, vielleicht eher eine irreführende Unschärfe birgt der Begriff Klezmer in sich. Denn das eigentliche Ausgangsmaterial bildet der raue, vielfältige, nicht mehr existente, nie aufgeschriebene Urahn dieses im 20. Jahrhunderts entstandenen und dann erst Klezmer genannten Musikstils.

Auch wenn die Transkriptionen der seltenen alten Tonaufnahmen jenes Klezmer-Urahns eine intensive und zeitaufwendige Phase im Kompositionsprozess waren und eben auch – wie oben erwähnt – einen Ausgangspunkt von Nigunim bilden, so besteht die Neukomposition doch nur zu etwa zehn Prozent aus diesen herausgehörten Originalen – die restlichen 90 Prozent von Nigunim ist Eigenkomposition. Das ist erwähnenswert, denn die Komposition weist eine stilistische Dualität aus etwa 70 Prozent klezmereskem, melodiösem Material und 30 Prozent abstrakter Musik vor. Was eben nicht heißt, dass diese 70 Prozent nur „arrangiert“ sind. Nigunim ist ein geschlossener kompositorischer Entwurf – oder zumindest Versuch –, in den Komponist Moritz Gagern die Transkriptionen als kleines Element eingebracht hat.

Aus der Gagernschen Kompositionswerkstatt II: Arbeitsidylle mit Melodika-Schlauch, Mini-Keyboard, Plektron, elektronischem Stimmgerät und natürlich  – jede Menge Noten ... 


Nigunim für Orchester ist weder ein naiv-kulinarischer, schmissiger Abend, noch einer, der sich rein auf Überlegungen aus dem Bereich der zeitgenössischen Musik stürzt. Es ist gerade die Spannung zwischen abstrakter musikalischer Reflexion und erdigem zeitgenössischem Klezmer, die diese Komposition so interessant macht. Diese Dualität des Neuerfundenen hat vielleicht etwas „Unerhörtes“. Aber das OJM schlägt gerne eine Bresche für etwas, das es sonst vielleicht nicht, zumindest eher selten gibt.

Also, kommt  am Dienstag in die Muffathalle und lauscht den neukomponierten Melodien, auf dass diese nicht unerhört bleiben!

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